Das „Blame-Game“ wird im Beruf wie im Privatleben gerne gespielt. Schuld – nicht im rechtlichen Sinne – wird freigiebig verteilt. Dabei werden zwei wesentliche Aspekte systematisch ausgeblendet.

Erstens: Im Berufs- und Privatleben geht es nicht um Schuld im moralischen Sinne. Verantwortung ist der präzisere Begriff.

Zweitens: Verantwortung kann zwar delegiert, aber nicht abgetreten werden. Sie bleibt – egal wie sehr wir sie loswerden wollen.


Kontrollüberzeugungen: Wer glaubt, sein Leben nicht selbst zu steuern?

Der Psychologe Julian Rotter beschrieb 1966, wie Menschen sich in ihrer Überzeugung unterscheiden, ob ihr Leben von ihnen selbst oder von äußeren Kräften kontrolliert wird. Er nannte das Locus of Control – die Kontrollüberzeugung. Menschen mit einem externen Locus of Control neigen dazu, Ergebnisse auf Zufall, andere Personen oder äußere Umstände zurückzuführen. Die Schuldzuweisung an andere ist, psychologisch betrachtet, eine klassische Form dieser externen Kontrollüberzeugung (Rotter, 1966).

Was Rotter damals beschrieb, findet täglich in Büros und Wohnzimmern statt: „Das war schon immer so.“ „Wenn der Chef nicht wäre…“ „Was soll ich denn dagegen tun?“

Wer so denkt, gibt nicht nur anderen die Schuld – er gibt ihnen auch die Kontrolle über das eigene Leben.


Opferhaltung im Beruf: Systemverantwortung beginnt beim Einzelnen

Rechtlich mag jemand anderes die formale Verantwortung tragen. Das enthebt uns nicht der eigenen.

Wenn in einem Unternehmen bestimmte Verhaltensweisen und Missstände alltäglich sind, sind wir als Systemmitglieder mitverantwortlich – sofern wir davon wissen. Der Sozialpsychologe Albert Bandura zeigte, wie Individuen in Organisationen moralische Verantwortung durch einen Mechanismus aus dem Weg räumen, den er Displacement of Responsibility nannte: Verantwortung wird nach oben, nach unten oder zur Seite verschoben – solange, bis sie niemand mehr trägt (Bandura, 1999).

In meiner Beratungspraxis höre ich das regelmäßig: „Und ich soll das ändern? Das läuft doch schon seit Jahren so.“

Nein. Alleine können Sie das nicht ändern. Aber: Sie können sich dazu verhalten. Und diese Wahl – auch Schweigen ist eine – bleibt Ihre.

Wenn es hart auf hart kommt, und dafür gibt es genügend Beispiele in der Wirtschaftsgeschichte, stehen Sie als Angestellter allein im Regen. Das ändert nichts an Ihrer eigenen Verantwortlichkeit.


Opferhaltung in Beziehungen: Die bequeme Halbwahrheit

Bei Beziehungskrisen wird gerne auf den anderen gezeigt: „Wenn er/sie nicht dieses und jenes getan hätte, dann hätte ich nicht…“

Stopp.

Sie haben mitgespielt. In welcher Form und aus welchen Gründen auch immer: Sie waren dabei.

Der Beziehungsforscher John Gottman wies in Laborstudien mit Hunderten von Paaren nach, dass Defensivität – das Zurückweisen von Kritik durch Gegenanklage und Opferdarstellung – einer der zuverlässigsten Prädiktoren für Beziehungsscheitern ist. Wer sich verteidigt, indem er oder sie die Verantwortung vollständig auf den anderen abschiebt, löst kein Problem. Er eskaliert es (Gottman, 1994).

Ein bekanntes Muster: „Wenn er/sie mehr Lust auf Sex gehabt hätte, hätte ich mich nicht außerhalb der Beziehung umsehen müssen.“ Umgangssprachlich: Opferhaltung. Psychologisch: Ablehnung der Eigenverantwortung für das eigene Verhalten.


Warum Opferhaltung so verführerisch ist – und was sie kostet

Die Schuldzuweisung an andere erzeugt gefühlte Hilflosigkeit. Sie ist bequem, denn sie befreit scheinbar von der Aufgabe, für sich selbst zu sorgen.

Martin Seligman beschrieb in seiner Learned Helplessness-Theorie, wie Individuen, die wiederholt erleben, keinen Einfluss auf ihre Situation zu haben, mit der Zeit aufhören, überhaupt noch zu handeln – selbst dann, wenn Handlungsmöglichkeiten bestehen (Seligman, 1975). Anhaltende externe Schuldzuschreibung kann genau diesen Mechanismus einleiten: Man fühlt sich ohnmächtig, weil man sich ohnmächtig definiert.

Die Opferhaltung hat einen hohen psychologischen Preis.


Was stattdessen gefragt ist: Verantwortung als aktive Praxis

Verantwortung und Selbstachtung sind keine Zustände, sie sind Aufgaben – und sie erfordern aktives Handeln: Wünsche äußern, Nein sagen, Grenzen setzen. Das ist nicht immer einfach, weder im Beruf noch in intimen Beziehungen. Aber der andere Weg – die letztendliche Schuldzuweisung – erscheint nur im Moment bequemer.

„Hätten Sie doch etwas gesagt!“ „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich anders verhalten können!“

Erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt Ihre eigenen Wahrnehmungen und Interessen zum vermeintlichen Wohl anderer zurückgestellt haben – und hinterher die Rechnung präsentiert bekamen?

Wenn Sie das Muster der Opferhaltung in Ihrem Berufs- oder Privatleben erkennen und daran arbeiten möchten, begleite ich Sie dabei.

→Eine E-Mail, ein Anruf und wir sind im Gespräch 


Quellen

  • Rotter, J.B. (1966). Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement. Psychological Monographs: General and Applied, 80(1), 1–28.
  • Seligman, M.E.P. (1975). Helplessness: On Depression, Development, and Death. San Francisco: W.H. Freeman.
  • Bandura, A. (1999). Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. Personality and Social Psychology Review, 3(3), 193–209.
  • Gottman, J.M. (1994). Why Marriages Succeed or Fail. New York: Simon & Schuster.

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