• Mentales Tief überwinden: 6 wissenschaftlich fundierte Wege, aus dem Schlagloch des Lebens herauszukommen


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    Entwicklung

    Mentales Tief überwinden: 6 wissenschaftlich fundierte Wege aus dem Schlagloch

    Stefan R. Manzow

    14. August 2017

    7 Min. Lesezeit

    Manchmal erwischt uns das Leben eiskalt: ein Schlagloch auf der eigenen Lebensstraße, dunkle Wolken im Kopf, das Gefühl, im mentalen Tief festzustecken. Sechs Strategien aus der Psychologie, die helfen können — und der wichtige Hinweis, wann professionelle Hilfe nötig ist.

    Was ist ein mentales Tief?

    Ein mentales Tief ist keine offizielle Diagnose, sondern eine subjektive Phase, in der Antrieb, Freude und Hoffnung deutlich reduziert sind — oft ausgelöst durch Belastungen, Verluste oder anhaltenden Stress. Kurze Tiefphasen gehören zum Leben. Halten Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und Grübeln aber über mehrere Wochen an und schränken den Alltag deutlich ein, kann sich eine depressive Episode dahinter verbergen — für die es evidenzbasierte Therapien gibt.

    Soziale Unterstützung und professionelle Hilfe

    In mentalen Krisen wirkt ein verlässlicher Freundeskreis wie ein Puffer: Studien zeigen, dass wahrgenommene soziale Unterstützung den Zusammenhang zwischen Belastung, Stress und psychischer Gesundheit deutlich abmildern kann. Wichtiger als gut gemeinte Ratschläge ist meist eine zugewandte, nicht wertende Präsenz — Dasein und Zuhören, ohne die Situation vorschnell „lösen“ zu wollen.

    Wenn Sie merken, dass Sie allein nicht mehr herauskommen, können niedrigschwellige Angebote wie die Telefonseelsorge ein erster Schritt sein — bevor Sie sich an eine psychologische Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten wenden. Ihre Krankenkasse hilft Ihnen, eine aktuelle Liste abrechnender Therapeut:innen zu erhalten.

    Sechs Wege aus dem Tief

    1

    Verlassen Sie bewusst Ihr Umfeld
    · Verhaltensaktivierung

    Aus der Depressionsforschung wissen wir: Das bewusste Einplanen kleiner, sinnvoller Aktivitäten kann die Stimmung nachweislich verbessern und depressive Symptome reduzieren.


    • Ein unbekanntes Viertel Ihrer Stadt erkunden und bewusst beobachten.

    • Stille Orte in der Natur aufsuchen — Geräusche, Gerüche, Körperempfindungen wahrnehmen.

    • Mit Menschen ins Gespräch kommen, mit denen Sie sonst nicht sprechen.
    2

    Betrachten Sie Ihre Lage aus verschiedenen Rollen
    · Perspektivwechsel

    Grübeln heißt: dieselbe Geschichte, kaum neue Varianten. Systematische Perspektivwechsel lockern eingefahrene Bewertungen. Die „Disney-Strategie“ nutzt drei innere Rollen:

    • Träumer:in
      — Was wäre, wenn alles möglich wäre?

    • Realist:in
      — Was davon wäre konkret umsetzbar?

    • Kritiker:in
      — Welche Risiken übersehe ich?

    3

    Zerlegen Sie das Problem in kleine, machbare Schritte

    Im Tief wirkt das Problem wie ein unbesteigbarer Berg. Große Ziele in kleine, planbare Teilaufgaben zu zerlegen, baut erlebte Selbstwirksamkeit wieder auf. Statt „Ich muss mein Leben in Ordnung bringen“ etwa:


    • „Heute rufe ich eine Freundin an.“

    • „Heute gehe ich 15 Minuten spazieren.“

    • „Heute sortiere ich eine einzige Schublade.“
    4

    Trainieren Sie Dankbarkeit systematisch

    Randomisierte Studien zeigen deutliche Effekte: mehr positiven Affekt, höhere Lebenszufriedenheit, weniger depressive Symptome.
    Praxis:
    Schreiben Sie an zehn Tagen jeden Abend drei konkrete Dinge auf, für die Sie dankbar sind — fließendes Wasser, eine warme Dusche, ein ruhiger Moment mit Kaffee. Dankbarkeit ersetzt keine Therapie, kann aber ein Baustein sein.

    5

    Nutzen Sie soziale Unterstützung — passend zu Ihnen

    Nicht jede Unterstützung entlastet. Es kommt weniger auf die Anzahl der Kontakte an als auf wahrgenommene Qualität und Passung.


    • Menschen suchen, die zuhören, ohne sofort Ratschläge zu geben.

    • Klare „Regeln“ vereinbaren: Heute reden wir nicht über Lösungen, sondern darüber, wie es mir geht.

    • Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen ergänzend prüfen.
    6

    Probieren Sie etwas radikal Neues

    Veränderung braucht oft einen disruptiven Impuls — einen Schritt deutlich außerhalb der Gewohnheit, ohne sich zu überfordern. Schwimmen gehen, wenn Sie nie schwimmen; ein Kurs, ein Ehrenamt, ein Tag offline. Entscheidend ist nicht die Spektakularität, sondern die Erfahrung: „Ich kann mein Verhalten verändern — und mein Erleben reagiert darauf.“

    Wann Tipps nicht mehr reichen

    Halten Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Schlafstörungen, starke Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit oder Suizidgedanken länger als zwei Wochen an, empfehlen Leitlinien, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Psychotherapeutische Verfahren sind dann deutlich besser untersucht und sollten nicht ersetzt, sondern ergänzt werden.

    Wenn es akut wird

    Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar. In einer akuten Notlage mit unmittelbarer Gefahr wählen Sie bitte die 112.

    0800 111 0 111
    0800 111 0 222
    Notruf 112

    Sie kommen aus dem Tief allein nicht heraus?

    Ein unbeteiligter, geschulter Blick von außen kann den Unterschied machen. Ein Anruf, eine E-Mail — und wir sind im Gespräch.

    Erstgespräch vereinbaren

    Literatur (Auswahl)

    • Cuijpers, P., van Straten, A., & Warmerdam, L. (2007). Behavioral activation treatments of depression: A meta-analysis.
      Clinical Psychology Review
      , 27(3), 318–326.
    • Ekers, D. et al. (2014). Behavioural Activation for Depression: An update of meta-analysis of effectiveness and sub group analysis.
      PLOS ONE
      , 9(6), e100100.
    • Mazzucchelli, T. G., Kane, R. T., & Rees, C. S. (2010). Behavioral activation interventions for well-being: A meta-analysis.
      The Journal of Positive Psychology
      , 5(2), 105–121.
    • Cunha, L. F., Pellanda, L. C., & Reppold, C. T. (2019). Positive psychology and gratitude interventions: A randomized clinical trial.
      Frontiers in Psychology
      , 10, 584.
    • Kirca, A., & Malouff, J. M. (2023). The effect of expressed gratitude interventions on psychological wellbeing: A meta-analysis of randomized controlled studies.
      International Journal of Applied Positive Psychology
      , 8, 63–86.
    • Silva, R. M. et al. (2023). The effects of gratitude interventions: A systematic review and meta-analysis.
      einstein (São Paulo)
      , 21(3), eRW0034.
    • Cohen, S., & Wills, T. A. (1985). Stress, social support, and the buffering hypothesis.
      Psychological Bulletin
      , 98(2), 310–357.
  • Opferhaltung: Warum Verantwortung nicht delegierbar ist

     

    Haltung
    Verantwortung

    Opferhaltung: Warum Verantwortung nicht delegierbar ist

    Stefan R. Manzow

    8. November 2016

    3 Min. Lesezeit

    „Wer anderen die Schuld gibt, gibt ihnen die Macht.“

    Wayne Dyer

    Das „Blame-Game“ wird im Beruf wie im Privatleben gerne gespielt. Schuld — nicht im rechtlichen Sinne — wird freigiebig verteilt. Dabei werden zwei wesentliche Aspekte systematisch ausgeblendet:

    Erstens

    Es geht nicht um Schuld im moralischen Sinne.
    Verantwortung
    ist der präzisere Begriff.

    Zweitens

    Verantwortung kann delegiert, aber nicht
    abgetreten
    werden. Sie bleibt — egal wie sehr wir sie loswerden wollen.

    Kontrollüberzeugungen: Wer glaubt, sein Leben nicht selbst zu steuern?

    Locus of Control · Rotter, 1966

    Julian Rotter beschrieb, wie Menschen sich darin unterscheiden, ob sie ihr Leben von sich selbst oder von äußeren Kräften kontrolliert sehen. Menschen mit einem externen Locus of Control führen Ergebnisse auf Zufall, andere Personen oder Umstände zurück. Schuldzuweisung ist, psychologisch betrachtet, eine klassische Form davon.

    Was Rotter damals beschrieb, passiert täglich in Büros und Wohnzimmern: „Das war schon immer so.“ „Wenn der Chef nicht wäre…“ „Was soll ich denn dagegen tun?“ Wer so denkt, gibt nicht nur anderen die Schuld, er gibt ihnen die Kontrolle über das eigene Leben.

    Im Beruf: Systemverantwortung beginnt beim Einzelnen

    Displacement of Responsibility · Bandura, 1999

    Rechtlich mag jemand anderes die formale Verantwortung tragen — das enthebt uns nicht der eigenen. Wo Missstände alltäglich sind, sind wir als Systemmitglieder mitverantwortlich, sofern wir davon wissen. Albert Bandura zeigte, wie Verantwortung nach oben, unten oder zur Seite verschoben wird, so lange bis sie niemand mehr trägt.

    In meiner Praxis höre ich oft: „Und ich soll das ändern? Das läuft doch schon seit Jahren so.“ Nein allein können Sie das nicht ändern. Aber Sie können sich dazu verhalten. Und diese Wahl, auch Schweigen ist eine, bleibt Ihre.

    In Beziehungen: die bequeme Halbwahrheit

    Defensivität · Gottman, 1994

    Bei Krisen wird gern auf den anderen gezeigt: „Wenn er/sie nicht dieses und jenes getan hätte, dann hätte ich nicht…“ Stopp. Sie haben mitgespielt. In welcher Form und aus welchen Gründen auch immer. Sie waren dabei.

    John Gottman wies in Studien mit Hunderten Paaren nach, dass
    Defensivität das Zurückweisen von Kritik durch Gegenanklage und Opferdarstellung, einer der zuverlässigsten Prädiktoren für Beziehungsscheitern ist. Wer Verantwortung vollständig abschiebt, löst kein Problem. Er eskaliert es.

    Warum Opferhaltung verführt — und was sie kostet

    Learned Helplessness · Seligman, 1975

    Schuldzuweisung erzeugt gefühlte Hilflosigkeit. Sie ist bequem, denn sie befreit scheinbar von der Aufgabe, für sich selbst zu sorgen. Martin Seligman beschrieb, wie Menschen, die wiederholt erleben, keinen Einfluss zu haben, mit der Zeit aufhören zu handeln, selbst wenn Möglichkeiten bestehen. Anhaltende externe Schuldzuschreibung kann genau das einleiten: Man fühlt sich ohnmächtig, weil man sich ohnmächtig definiert. Die Opferhaltung hat einen hohen psychologischen Preis.

    Was stattdessen gefragt ist: Verantwortung als aktive Praxis

    Verantwortung und Selbstachtung sind keine Zustände, sondern Aufgaben, und sie erfordern aktives Handeln: Wünsche äußern, Nein sagen, Grenzen setzen. Das ist nicht immer einfach, weder im Beruf noch in intimen Beziehungen. Der andere Weg, die letztendliche Schuldzuweisung, erscheint nur im Moment bequemer.

    Erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt Ihre eigenen Wahrnehmungen und Interessen zum vermeintlichen Wohl anderer zurückgestellt haben — und hinterher die Rechnung präsentiert bekamen?

    Sie erkennen das Muster der Opferhaltung in Ihrem Berufs- oder Privatleben und möchten daran arbeiten? Ich begleite Sie dabei.

    Eine E-Mail, ein Anruf — und wir sind im Gespräch

    Quellen

    • Rotter, J. B. (1966). Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement.
      Psychological Monographs
      , 80(1), 1–28.
    • Seligman, M. E. P. (1975).
      Helplessness: On Depression, Development, and Death
      . San Francisco: W. H. Freeman.
    • Bandura, A. (1999). Moral disengagement in the perpetration of inhumanities.
      Personality and Social Psychology Review
      , 3(3), 193–209.
    • Gottman, J. M. (1994).
      Why Marriages Succeed or Fail
      . New York: Simon & Schuster.
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