Systemische BeratungMethoden

Familienskulptur nach Virginia Satir: Ablauf, Grenzen und die Fünf Freiheiten

Stefan ManzowÜberarbeitung Oktober 20266 Min. Lesezeit

Manches lässt sich leichter zeigen als sagen. Wer steht wem nah, und wer schaut weg? Die Familienskulptur stellt solche Verhältnisse in den Raum.

Virginia Satir (1916 bis 1988) war Familientherapeutin. Ihr Ansatz stellt den Selbstwert des Menschen ins Zentrum und fragt, wie Familien und andere Systeme ihn stärken oder untergraben. In den 1970er Jahren griffen Richard Bandler und John Grinder ihre Arbeit für das Neurolinguistische Programmieren auf; das gemeinsame Buch Changing with Families erschien 1976. Wer Satir verstehen will, liest sie besser in ihrem eigenen Zusammenhang: humanistisch und systemisch, nicht als Technikbaukasten.

Was eine Familienskulptur ist

Bei einer Skulptur werden Beziehungen nicht beschrieben, sondern aufgestellt. Personen stehen für Familienmitglieder, und ihre Haltung, ihr Abstand und ihre Blickrichtung zeigen, wie jemand sein System erlebt. Wer seine Familie stellt, sieht sie auf einmal von außen.

Satir hat die Methode geprägt und bekannt gemacht, erfunden hat sie sie nicht allein. In der Fachliteratur werden als Ursprünge mehrere Linien genannt: neben Satir vor allem Frederick Duhl, David Kantor und Bunny Duhl, die 1973 eine Einführung in die Skulpturarbeit veröffentlichten, und Peggy Papp. Verwandt ist die Methode mit dem Psychodrama, in dem ebenfalls innere Verhältnisse szenisch dargestellt werden.

Wie eine Skulptur abläuft

Es gibt kein verbindliches Protokoll. Ein typischer Ablauf in der Beratung sieht so aus:

1

Die Frage klären. Worum geht es? Ohne Anliegen bleibt die Skulptur ein interessantes Bild.

2

Stellen. Die Person ordnet Stellvertreter im Raum an, mit Abstand, Haltung und Blickrichtung. Statt Personen können auch Figuren, Platzhalter oder Bodenanker stehen.

3

Betrachten. Was fällt auf, wenn das Bild steht? Oft überrascht schon der Abstand, den man selbst gewählt hat.

4

Umstellen. Wie sähe das Bild aus, das man sich wünscht? Und was müsste sich verändern, damit es so stehen kann?

5

Zurück in die Sprache. Was das Bild gezeigt hat, wird besprochen und mit dem Anliegen verbunden. Die Deutung bleibt bei der Person, die gestellt hat.

Wofür sie sich in der Beratung eignet

Im Team

Ich stelle das Team im Raum auf, mit Figuren, Platzhaltern oder Bodenankern. Oft wird dann sichtbar, wie das System aussieht, über das bisher nur gesprochen wurde. Rollen, Nähe und unausgesprochene Hierarchien zeigen sich, ohne dass jemand sie benennen muss.

In der Einzelberatung

Angelehnt an das innere Team nach Schulz von Thun lassen sich auch widerstreitende innere Stimmen stellen, etwa vor einer Entscheidung, die festsitzt.

Psychologische Beratung ist keine Heilbehandlung. Wo es um seelische Erkrankung, Trauma oder eine akute Krise geht, gehört die Arbeit in therapeutische Hände.

Skulptur und Familienaufstellung nach Hellinger

Beides wird oft verwechselt. Bert Hellinger machte ab den 1980er Jahren die Familienaufstellung bekannt, häufig in Großveranstaltungen und mit festen Deutungen darüber, welche Ordnung in einer Familie die richtige sei. Die systemischen Fachverbände haben sich davon deutlich abgegrenzt. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie nannte Hellingers Vorgehen 2003 „ethisch nicht vertretbar“: Es fehle die Nachbetreuung, und die Deutungen würden nicht zur Diskussion gestellt.

Nur ist ausgerechnet die Aufstellung inzwischen besser untersucht als die Skulptur. Eine randomisierte Studie aus Heidelberg mit 208 Erwachsenen fand nach einem dreitägigen Seminar mittlere Verbesserungen im Erleben der eigenen Beziehungen, verglichen mit einer Wartegruppe, nach zwei Wochen und nach vier Monaten. Die Grenzen sind erheblich. Vier von fünf Teilnehmenden hatten schon früher Aufstellungen gemacht, es gab nur zwei Leiter, gemessen wurde allein per Selbstauskunft, und verglichen wurde mit Nichtstun, nicht mit einer anderen Methode.

Der Unterschied, auf den es mir ankommt, liegt deshalb in der Haltung. In der Skulptur deutet die Person ihr eigenes Bild. Niemand sagt ihr, wie ihre Familie richtig zu stehen habe.

Was man über die Wirkung weiß

Wenig. Kontrollierte Studien zur Familienskulptur selbst habe ich kaum gefunden. Sie macht sichtbar, was im Gespräch schwer zu fassen ist; mehr lässt sich nicht belegen. Ob daraus eine Veränderung wird, hängt an dem, was danach geschieht. Ein Bild ersetzt keine Entscheidung.

Die Fünf Freiheiten

Satir fasste in fünf Sätzen zusammen, was Menschen in einem gesunden System möglich sein sollte. Für sie waren das Grundbedingungen für Selbstwert und stimmige Kommunikation; empirisch geprüft ist diese Liste nicht, sie ist eine Haltung.

1

Zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist, statt dessen, was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.

2

Auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das, was von mir erwartet wird.

3

Zu meinen Gefühlen zu stehen und nicht etwas anderes vorzutäuschen.

4

Um das zu bitten, was ich brauche, anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.

5

In eigener Verantwortung Risiken einzugehen, statt immer nur auf „Nummer sicher“ zu gehen.

Mit Selbstoptimierung haben sie wenig zu tun. Sie beschreiben, was verloren geht, wenn Familien, Teams oder Organisationen ehrlichen Ausdruck bestrafen. Welche dieser Freiheiten in einem System fehlt, zeigt oft erst das Bild im Raum.

Erstgespräch

Wenn Sie klarer sehen wollen, wie Sie in Familie, Team oder Organisation stehen: Das lässt sich in einem Gespräch sortieren. Wie eine Beratung abläuft und was sie umfasst, steht im Beratungsangebot.

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Quellen

  • Bandler, R., Grinder, J. & Satir, V. (1976). Changing with Families. Palo Alto: Science & Behavior Books.
  • Duhl, F., Kantor, D. & Duhl, B. (1973). Learning, space and action. A primer of family sculpture. In D. Bloch (Hrsg.), Techniques of family psychotherapy (S. 47–63). New York: Grune and Stratton. Zitiert nach Hunger u. a. 2015.
  • Hunger, C., Bornhäuser, A., Link, L., Schweitzer, J. & Weinhold, J. (2014). Improving experience in personal social systems through family constellation seminars: Results of a randomized controlled trial. Family Process, 53(2), 288–306. doi.org/10.1111/famp.12051 (öffnet in neuem Tab)
  • Hunger, C., Weinhold, J., Bornhäuser, A., Link, L. & Schweitzer, J. (2015). Mid- and long-term effects of family constellation seminars in a general population sample: 8- and 12-month follow-up. Family Process, 54(2), 344–358. doi.org/10.1111/famp.12102 (öffnet in neuem Tab)
  • Bühring, P. (2003). Interview mit Wilhelm Rotthaus: „Wie Gläubige, die ihrem Guru folgen“. Deutsches Ärzteblatt PP, Heft 5/2003. aerzteblatt.de/archiv/36890 (öffnet in neuem Tab)
  • Satir, V. (1995). Making Contact. Celestial Arts.
  • Schulz von Thun, F. (1998). Miteinander reden 3: Das „innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Reinbek: Rowohlt.

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