Klärungsraum · Selbststeuerung
Wie Ihre Haltung die erlebte Realität im Berufsleben verändert
Was sich ändert, wenn sich der Blick ändert, und wo diese Wirkung aufhört
Verkäuferinnen kennen den Effekt, Künstler verlassen sich darauf, Mentaltrainer verkaufen ihn, und wer nüchtern denkt, wird zuerst misstrauisch. Zu Recht: In diesem Feld wird viel behauptet. Trotzdem steckt darin eine Beobachtung, die sich gut belegen lässt und die im Arbeitsalltag etwas austrägt. Es geht um Haltung und Wahrnehmung: darum, wie stark die eigene Haltung mitbestimmt, was wir überhaupt bemerken.
Um das Missverständnis gleich auszuräumen: Es geht nicht um magisches Denken. Gedanken erschaffen keine Tatsachen. Was sie verändern, ist die Auswahl. Und die Auswahl entscheidet mit darüber, welche Möglichkeiten Sie sehen und welche Sie übersehen.
Haltung und Wahrnehmung: was der Fokus auswählt
Unsere Sinne liefern mehr, als das Bewusstsein verarbeiten kann. Was durchkommt, ist ausgewählt. Wie radikal diese Auswahl arbeitet, zeigt ein Versuch, der inzwischen zum Standardrepertoire gehört: Wer die Pässe eines Basketballteams zählt, übersieht mit erstaunlicher Zuverlässigkeit einen Menschen im Gorillakostüm, der mitten durchs Bild läuft. Etwa die Hälfte der Beobachtenden sieht ihn nicht, obwohl er neun Sekunden lang zu sehen ist (Simons & Chabris 1999).
Dazu kommt die Erwartung. Was wir vermuten, verändert nachweislich, wie eingehende Reize verarbeitet werden, und zwar früh, nicht erst beim Nachdenken darüber (Summerfield & de Lange 2014). Wer ein Gespräch mit der Erwartung betritt, gleich wieder übergangen zu werden, hört dieselbe Bemerkung anders als jemand, der mit Neugier hineingeht. Beide haben recht in dem Sinn, dass sie tatsächlich wahrnehmen, was sie berichten. Nur haben sie nicht dasselbe wahrgenommen.
Das Wohnmobil-Phänomen
Wer sich ein Wohnmobil kauft, sieht plötzlich überall Wohnmobile. Wer ein Kind erwartet, begegnet auf einmal lauter Schwangeren. Die Welt hat sich nicht geändert, der Filter hat sich geändert.
Populär heißt das Baader-Meinhof-Phänomen oder Frequenzillusion. Ich verwende die Bezeichnung hier nicht, weil ich für diesen Begriff keine experimentelle Prüfung gefunden habe. Die Bausteine dagegen sind gut untersucht: selektive Aufmerksamkeit und die Neigung, Bestätigendes eher zu bemerken.
Im Berufsleben arbeitet derselbe Mechanismus unauffälliger. Wer über Wochen erwartet, dass die Zusammenarbeit hakt, sammelt Belege dafür. Die Belege sind nicht erfunden. Sie sind ausgewählt.
Der Punkt
Eine Haltung erschafft keine Tatsachen. Sie entscheidet mit, welche Tatsachen Sie überhaupt zu sehen bekommen.
Warum „positiv denken“ zu kurz greift
An dieser Stelle biegt der übliche Ratgeber ab und empfiehlt gute Laune. Die Forschung ist da unbequemer. Zwar gibt es die verbreitete Annahme, positive Gefühle weiteten den Blick und bauten dadurch langfristig Ressourcen auf (Fredrickson 2001). Genauere Untersuchungen zeigen aber, dass es nicht am guten Gefühl liegt, sondern daran, wie stark es auf ein Ziel drängt: Zufriedenheit und stille Freude weiten den Fokus, Begeisterung und Verlangen verengen ihn, ganz ähnlich wie Angst (Harmon-Jones, Gable & Price 2012).
Für den Arbeitsalltag ist das die brauchbarere Auskunft. Wer heiß auf ein Ergebnis ist, sieht schärfer, aber schmaler. Das ist beim Abarbeiten nützlich und beim Suchen hinderlich. Wer dagegen einen Schritt zurücktritt und aufhört, sofort etwas erreichen zu wollen, bekommt mehr ins Bild. Der Hebel ist nicht Optimismus. Er liegt im Wechsel zwischen beidem.
Wo die Haltung nicht hilft
Und hier die Grenze, ohne die der Rest zur Zumutung wird: Ein Filterwechsel ändert nichts an einer Überlastung, an einer unfairen Bezahlung, an einer Führungskraft, die Menschen beschädigt. Wer in solchen Lagen an seiner Haltung arbeitet statt an der Lage, verlegt ein äußeres Problem nach innen. Genau das ist der Vorwurf, den sich diese ganze Denkrichtung zu Recht gefallen lassen muss, und er trifft überall dort, wo aus Selbstverantwortung eine Zuständigkeit für alles gemacht wird.
Die nützliche Reihenfolge ist deshalb umgekehrt. Zuerst die Frage, ob sich die Situation ändern lässt. Erst wenn das geklärt ist, lohnt die Frage nach dem eigenen Blick.
Der Filter im Team
Wir filtern nicht allein. Stimmungen übertragen sich in Gruppen, und zwar messbar: In einer Untersuchung mit gespielten Arbeitsgruppen veränderte eine eingeschleuste Person durch ihre bloße Stimmungslage die Stimmung der anderen, ihre Kooperationsbereitschaft und das Ausmaß an Konflikt (Barsade 2002). Zynismus ist ansteckend, Gelassenheit auch.
In Teams, die täglich mit Krisen und Not zu tun haben, in der Pflege, in der Sozialarbeit, im Krisendienst, kann sich eine erschöpfte Haltung deshalb fast unbemerkt einnisten. Was dagegen hilft, ist wenig überraschend: ein Ort, an dem das eigene Erleben sortiert wird. Eine Übersichtsarbeit über 32 Studien findet einen Zusammenhang zwischen wirksamer Supervision und geringerem Burnout sowie längerem Verbleib im Beruf, betont aber, dass die Belege insgesamt schwach sind und alles an der Qualität der Supervision hängt (Martin u. a. 2021). Supervision ist also kein Automat. Sie ist eine Gelegenheit, die man gut oder schlecht nutzen kann.
Eine Frage an Ihr Berufsleben
Was möchten Sie in Ihrem Berufsleben häufiger sehen? Mehr Gelassenheit, mehr Wirksamkeit, mehr echte Zusammenarbeit, mehr Anerkennung?
Wenn Sie darauf eine Antwort haben, beginnt die Arbeit nicht mit einem Vorsatz, sondern mit einer Beobachtung: Wo kommt das, was Sie sich wünschen, heute schon vor, und sei es klein? Wer und was unterstützt es? Und welche Routine zieht Sie zuverlässig in die andere Richtung? Wer eine Woche lang notiert, was ihm auffällt, merkt schnell, wie viel der eigene Filter dazu beiträgt.
Verändern lässt sich das nicht durch Zureden. Es verändert sich, wenn Sie den Blick wiederholt woanders hinlenken und dabei ehrlich bleiben. Der Unterschied zum Schönreden liegt darin, dass Sie das Unangenehme weiter sehen. Sie sehen es nur nicht mehr allein.
Erstgespräch
Wenn der Blick sich verengt hat und es allein nicht weitergeht: Das lässt sich in einem Gespräch sortieren.
Zum ErstgesprächOder erst eine Frage per E-Mail, unverbindlich.
Stefan Manzow ist Psychologischer Berater in Hamburg. Er schreibt im Klärungsraum über die psychologischen Voraussetzungen von Handlungsfähigkeit, beruflich wie politisch.
Quellen & Geltungsgrade
Etabliert (a): dass Aufmerksamkeit stark auswählt und dabei auch Auffälliges übersehen wird (Simons & Chabris 1999); dass Erwartungen die Verarbeitung von Sinnesreizen früh beeinflussen (Summerfield & de Lange 2014).
Weit verbreitete Auffassung (b): dass positive Gefühle den Denk- und Handlungsspielraum weiten (Fredrickson 2001). Diese Fassung ist zu grob: Entscheidend ist die Annäherungsintensität, nicht die Wertigkeit; niedrig drängende Zustände weiten, hoch drängende verengen (Harmon-Jones, Gable & Price 2012). Zur Vorsicht gegenüber der Positiven Psychologie gehört, dass die berühmte Positivitätsrate von Fredrickson und Losada 2013 als mathematisch haltlos zurückgewiesen wurde (Brown, Sokal & Friedman 2013); das betrifft nicht die Broaden-and-Build-Theorie selbst, wohl aber das Vertrauen in ihre populären Zahlen. Ebenso (b): dass sich Stimmungen in Gruppen übertragen (Barsade 2002) und dass wirksame Supervision mit weniger Burnout einhergeht, bei insgesamt schwacher Beleglage (Martin u. a. 2021).
Eigene Ableitung (c): die Reihenfolge, zuerst die Lage zu prüfen und erst danach den eigenen Blick; und die Übertragung der Befunde zur Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung von Handlungsmöglichkeiten im Beruf.
Offen (d): das populäre Etikett Baader-Meinhof-Phänomen oder Frequenzillusion. Ich habe dazu keine experimentelle Prüfung gefunden, nur Fallbeschreibungen und Anekdoten. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind untersucht, das Phänomen unter diesem Namen nicht.
Woran sich das prüfen ließe: Wenn sich zeigte, dass die wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten von der Haltung unabhängig sind und allein von der Lage abhängen, wäre der praktische Teil dieses Textes hinfällig.
Quellenverzeichnis
- Simons, D. J. & Chabris, C. F. (1999): Gorillas in our midst: sustained inattentional blindness for dynamic events. Perception 28(9), 1059–1074. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Summerfield, C. & de Lange, F. P. (2014): Expectation in perceptual decision making: neural and computational mechanisms. Nature Reviews Neuroscience 15(11), 745–756. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Fredrickson, B. L. (2001): The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist 56(3), 218–226. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Harmon-Jones, E., Gable, P. A. & Price, T. F. (2012): The influence of affective states varying in motivational intensity on cognitive scope. Frontiers in Integrative Neuroscience 6, 73. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Brown, N. J. L., Sokal, A. D. & Friedman, H. L. (2013): The complex dynamics of wishful thinking: The critical positivity ratio. American Psychologist 68(9), 801–813. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Barsade, S. G. (2002): The ripple effect: Emotional contagion and its influence on group behavior. Administrative Science Quarterly 47(4), 644–675. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Martin, P., Lizarondo, L. & Kumar, S. (2021): Impact of clinical supervision on healthcare organisational outcomes: A mixed methods systematic review. PLOS ONE 16(11), e0260156. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Watzlawick, P. (1983): Anleitung zum Unglücklichsein. Piper. Kein Forschungsbeleg, sondern ein Lesetipp: Watzlawick zeigt an Alltagsbeispielen, wie zuverlässig sich Menschen ihr Erleben selbst verengen.