Klärungsraum · Essay
Der Zwischenraum
Über das Aushalten von Gefühlen, den Default und die Frage, wer uns handlungsfähig hält
Beim Scrollen bin ich hängen geblieben. Fast alles, was wir Probleme nennen, sei in Wahrheit die Abneigung gegen ein Gefühl, das ein anderer in uns auslöst, so der Mann; der Grundfehler bestehe darin, ein ungeliebtes Gefühl für gefährlich zu halten. Ich blieb, obwohl er mich nicht überzeugte: Ich spürte zweierlei zugleich, ohne dass sich eines wegschieben ließ. Der Kern beschäftigt mich seit Langem: wie wir zu unseren eigenen Reaktionen stehen. Denn davon hängt ab, ob wir überhaupt handeln können.
Der wahre Kern
Der Satz, den die Stimme richtig trifft, stammt gar nicht aus dem Coaching. Er kommt aus der Therapie: Abneigung ist nicht Gefahr. Vieles, woran Menschen sich chronisch abarbeiten, ist keine Antwort auf eine wirkliche Bedrohung. Es ist der Versuch, ein unangenehmes Gefühl loszuwerden: überarbeiten, übererklären, den anderen bedrängen, bis er sich ändert. Was aus dieser Schleife führt, ist nach der meistdiskutierten Lesart die Erfahrung, dass das Befürchtete ausbleibt. Es geht um die Widerlegung der eigenen Erwartung und erst in zweiter Linie um Beruhigung.
Das meint Containment, ein Wort, das im Selbsthilfeton meist als Selbstberuhigung missverstanden wird. Gemeint ist das Gegenteil von Wegdrücken: einen Affekt halten, bis er denkbar wird. Insofern hat die Stimme recht: Wer die Abneigung nicht mehr für Gefahr hält, gewinnt einen Spielraum, den kein noch so großer Aufwand am anderen ihm je verschafft hätte.
Wo es kippt
Und dann kippt es. Der Satz wird zu einem ganzen Weltbild: Alles sei letztlich Emotionsenergie. Damit fällt die Situation in das Gefühl über die Situation zusammen, und die Klinge, die eben noch so scharf schnitt, schneidet nur noch in eine Richtung: nach innen. Ist mein Gefühl gefährlich oder nur unangenehm? Eine gute Frage. Aber sie hat eine Zwillingsfrage, die die Stimme verschweigt: Ist die Situation gefährlich oder nur unangenehm? Die Frage ist nicht rhetorisch. In einer Einzelstudie ging hohe Umdeutungsfähigkeit dort mit weniger Depressivität einher, wo die Belastung unkontrollierbar war, und mit mehr, wo sie sich hätte ändern lassen (Troy u. a. 2013). Ein Zusammenhang, keine gemessene Wirkung. Er reicht, um die Vermutung ernst zu nehmen: Dieselbe Fähigkeit kostet am falschen Ort. Wer die erste verabsolutiert und die zweite nie stellt, verwandelt jede wirkliche Bedrohung in eine private Regulationsaufgabe. Das ist keine Freiheit. Das ist die feinere Form der Anpassung.
Die Falle
Man erkennt sie an einem Satz, den die Stimme mit Stolz sagt: Diese Methode könne nicht scheitern. Was nicht scheitern kann, lässt sich nicht widerlegen. Das Werkzeug, das die Freiheit verschaffen sollte, wird zum Schloss.
Der Raum
Der Satz, der mir dabei die ganze Zeit im Kopf lag, wird gern Viktor Frankl zugeschrieben: Zwischen Reiz und Reaktion liege ein Raum, und in diesem Raum liege unsere Freiheit. Er trifft etwas und scheitert an einem Wort.
Der Satz ist Frankl nur zugeschrieben; seine Herkunft ist ungeklärt. Stephen Covey fand ihn nach eigener Angabe in einem Bibliotheksbuch, hielt ihn für passend zu Frankl und notierte sich weder Autor noch Titel (Viktor-Frankl-Institut (öffnet in neuem Tab)).
Das Wort ist liegt. Der Satz behauptet, der Raum sei da, als Besitz, den man nur zu nutzen brauche. Meine Erfahrung sagt das Gegenteil: Unter wirklicher Bedrohung liegt der Raum nicht bereit; er verengt sich. Schon milder, unkontrollierbarer Stress kann jene Fähigkeiten des Stirnhirns, die den Zwischenraum überhaupt tragen, in kürzester Zeit lahmlegen. Der Raum ist keine Ausstattung, die jeder immer hat. Er ist eine Leistung, die kippen kann, und sie endet an der Schwelle zurück in die Handlung. Frei ist nicht, wer innehält, sondern wer aus dem Innehalten zurückkehrt und tut, was zu tun ist.
Der Default
Dass Menschen aufgeben, wenn nichts, was sie tun, etwas ändert, wird seit den siebziger Jahren im Labor beobachtet: Wer einem Lärm ausgesetzt war, den kein Knopf abstellte, versucht es später oft nicht einmal mehr dort, wo ein Handgriff genügen würde. Man hat das lange gelernte Hilflosigkeit genannt. Die Forscher, die diese Idee begründet haben, sagen inzwischen allerdings, es sei wahrscheinlich umgekehrt: Die Hilflosigkeit brauche kein Lernen, die Kontrolle schon. Die Passivität sei die Voreinstellung, die anspringt, wenn Bedrängnis anhält und nichts wirkt; gebremst werde sie von einer erworbenen Erwartung, dass Handeln etwas bewirkt. Ob das für Menschen gilt, ist offen.
Zweierlei aber lässt sich bei uns zeigen: dass diese Erwartung aus Erfahrungen entsteht, in denen Handeln gewirkt hat, und dass ihr Ausfall so weit reicht, wie die Erklärung reicht, die einer sich für sein Scheitern gibt. In beiden Lesarten jedenfalls hält einen dort, wo nichts mehr wirkt, eine Erwartung oben, die vorher erworben worden sein muss.
Wo die Belege enden: Der Mechanismus hinter der Umkehr, ein Schaltkreis, der Kontrolle erkennt und die Stressantwort bremst, ist im Tierversuch kartiert, fast nur an männlichen Tieren, und beim Menschen nicht messbar; was man bei Menschen gemessen hat, ist damit vereinbar, aber dünn und nicht einheitlich. Der Schritt von dort zum menschlichen, zum politischen Leben ist eine Brücke, die ich schlage, kein Beweis, den ich führe.
Dann verschiebt sich der Sinn des ganzen Gesprächs. Den Raum offen zu halten ist die erlernbare Ausnahme gegen eine Schwerkraft, die nach unten zieht, sobald nichts mehr wirkt: ins Zufallen.
Die These
Wo nichts mehr wirkt, ist der Default das Zufallen. Was wir Haltung nennen, ist eine Erwartung, die vorher erworben sein muss: dass Handeln wieder wirkt.
Wer uns handlungsfähig hält
Wir halten uns den Raum selbst offen: Das ist der Einwand, mit dem man dem Fatalismus widersteht, und er ist richtig. Im Spalt zwischen Reiz und Reaktion stehe am Ende ich, und niemand sonst wählt. Und doch stimmt der Satz nur zur Hälfte, wie jede Formel von der Selbstverantwortung. Die Fähigkeit, sich selbst zu halten, ist niemandem angeboren. Sie wächst daraus, dass ein anderer uns gehalten hat, lange bevor wir es allein konnten. Und genau dort, wo die Last am größten wird und man sich am dringendsten allein halten müsste, ist die Schaltung, die das leistet, am ehesten heruntergefahren.
In mir muss die Schaltung feuern; das kann keiner für mich tun. Aber andere haben sie gebaut, und andere halten die Bedingungen offen, unter denen sie noch feuern kann. Hier, und nur hier, kommt das Politische ins Bild, als Horizont, nicht als Zentrum: Ein Umfeld, das Menschen erschöpft, unter Dauerdrohung setzt und voneinander trennt, schließt den Raum systematisch. Ihn offen zu halten ist dann mehr als ein Wellness-Programm: etwas, das man einander schuldet und füreinander schützt.
Was uns hält
Wir bleiben bei solchen Stimmen hängen, obwohl wir früh merken, dass ihr Versprechen zu groß ist. Was uns hält, ist die richtige Frage, die unter dem falschen Versprechen liegt: Können wir handlungsfähig bleiben, und wer hilft uns dabei? Auf die Antwort dürfen wir nicht warten. Wir sind am Leben, wir müssen handeln. Also öffnen wir den Raum, bevor das Mechanische entschieden ist.
Schluss
Ob sich der Raum öffnen lässt, wenn es ernst wird, wissen wir nicht. Wir öffnen ihn trotzdem, weil die einzige Alternative das Zufallen ist. Ein Default ist kein Gegner. Er ist der Boden, von dem wir uns abstoßen.
Geltungsgrade
Etabliert (a): dass akuter, unkontrollierbarer Stress die präfrontalen Funktionen rasch beeinträchtigt.
Weit verbreitete Auffassung (b): dass die Exposition über Erwartungsverletzung wirkt und nicht über bloße Gewöhnung. Das inhibitorische Lernen ist der meistdiskutierte Wirkmechanismus, nicht der gesicherte; die Übersichtsarbeiten führen ihn als Modell, unter dem sich die Befunde ordnen lassen (Hoyer & Lueken 2021; Böhnlein u. a. 2019). Ebenso (b): dass Menschen unter anhaltender Unkontrollierbarkeit passiv werden (Hiroto & Seligman 1975); dass Reichweite und Dauer dieses Aufgebens an der Erklärung hängen, die einer sich dafür gibt (Abramson u. a. 1978); dass die Erwartung, etwas bewirken zu können, vor allem aus eigenen Erfolgserfahrungen entsteht (Bandura 1977). Die Umkehrung selbst, Passivität als Voreinstellung und Kontrolle als das Gelernte, ist die Lesart der Urheber, im Tiermodell konsistent belegt, fast nur an männlichen Tieren (Maier & Seligman 2016; Baratta u. a. 2023).
Übertragung und Unsicherheit
Eigene Übertragung (c): der Schritt von dieser überwiegend im Tiermodell gewonnenen Schaltung auf das menschliche und politische Handeln. Der stärkste Einwand dagegen steht in derselben Literatur: Bei weiblichen Tieren puffert Kontrolle den Stress nicht. Der Schutzeffekt, auf dem diese ganze Überlegung ruht, fällt dort aus; herstellen lässt er sich erst durch einen Eingriff in die präfrontale Dopaminwirkung oder in das Gewohnheitssystem, über das weibliche Tiere die Kontrolle lernen (McNulty u. a. 2022; Baratta u. a. 2023). Ich lasse den Befund stehen, statt ihn abzuschwächen. Ebenso (c), nur psychoanalytisch gerahmt (Bion): dass die Fähigkeit, sich selbst zu halten, aus dem Gehaltenwerden hervorgeht. Die Urheber der Hilflosigkeitsforschung sehen die Ontogenese ähnlich, Hilflosigkeit als Ausgangslage, überwunden aber durch eigene Kontrollerfahrung, nicht durch Gehaltenwerden (Maier & Seligman 2016).
Echte Unsicherheit (d): ob die Passivität beim Menschen Voreinstellung ist oder gelernte Erwartung. Belegt ist, dass Menschen unter anhaltender Unkontrollierbarkeit passiv werden; die Versuche dazu (Lärm, unlösbare Aufgaben) sind aber mildere Lagen, für die die Urheber selbst einräumen, dass das Gehirn die Vergeblichkeit erkennen, also lernen kann. Der Mechanismus ist beim Menschen bisher nicht messbar (Maier & Seligman 2016).
Entscheidung und Falsifikation
Entscheidung, keine Ableitung: den Raum zu öffnen, obwohl der Mechanismus offen bleibt; die Notwendigkeit dessen, der lebt und handeln muss.
Woran diese These scheitern würde: wenn sich zeigte, dass Menschen unter anhaltender, aussichtsloser Belastung im Mittel ihre Handlungsfähigkeit halten, ohne dass jemand sie gehalten hat. Dann wäre das Zufallen kein Default. Ich behalte mir nicht vor, solche Fälle nachträglich als verdeckte Beziehungsgeschichte zu verbuchen. Das wäre genau das Schloss, das ich der Stimme vorwerfe.
Quellenverzeichnis
- Bion, W. R. (1962): Learning from Experience. Zum Containment als Verstoffwechseln statt Unterdrücken (psychoanalytischer Rahmen, nicht naturwissenschaftlich validiert).
- Craske, M. G. u. a. (2014): Maximizing exposure therapy: an inhibitory learning approach. Behaviour Research and Therapy 58, 10–23. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Hoyer, J. & Lueken, U. (2021): Psychotherapie der Angststörungen – State of the Art. Der Nervenarzt 92(5), 441–449. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Böhnlein, J. u. a. (2019): Factors influencing the success of exposure therapy for specific phobia: A systematic review. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 108, 796–820. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Troy, A. S., Shallcross, A. J. & Mauss, I. B. (2013): A person-by-situation approach to emotion regulation: cognitive reappraisal can either help or hurt, depending on the context. Psychological Science 24(12), 2505–2514. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Arnsten, A. F. T. (2009): Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience 10(6), 410–422. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Hiroto, D. S. & Seligman, M. E. P. (1975): Generality of learned helplessness in man. Journal of Personality and Social Psychology 31(2), 311–327. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Abramson, L. Y., Seligman, M. E. P. & Teasdale, J. D. (1978): Learned helplessness in humans: Critique and reformulation. Journal of Abnormal Psychology 87(1), 49–74. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Bandura, A. (1977): Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review 84(2), 191–215. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Maier, S. F. & Seligman, M. E. P. (2016): Learned helplessness at fifty: Insights from neuroscience. Psychological Review 123(4), 349–367. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Baratta, M. V., Seligman, M. E. P. & Maier, S. F. (2023): From helplessness to controllability: toward a neuroscience of resilience. Frontiers in Psychiatry 14, 1170417. DOI (öffnet in neuem Tab)
- Maier, S. F. (2015): Behavioral control blunts reactions to contemporaneous and future adverse events: medial prefrontal cortex plasticity and a corticostriatal network. Neurobiology of Stress 1, 12–22. DOI (öffnet in neuem Tab)
- McNulty, C. J. u. a. (2022): Elevated prefrontal dopamine interferes with the stress-buffering properties of behavioral control in female rats. Neuropsychopharmacology 48(3), 498–507. DOI (öffnet in neuem Tab)