Haltung
Verantwortung

Opferhaltung: Warum Verantwortung nicht delegierbar ist

Stefan R. Manzow

8. November 2016

3 Min. Lesezeit

„Wer anderen die Schuld gibt, gibt ihnen die Macht.“

Wayne Dyer

Das „Blame-Game“ wird im Beruf wie im Privatleben gerne gespielt. Schuld — nicht im rechtlichen Sinne — wird freigiebig verteilt. Dabei werden zwei wesentliche Aspekte systematisch ausgeblendet:

Erstens

Es geht nicht um Schuld im moralischen Sinne.
Verantwortung
ist der präzisere Begriff.

Zweitens

Verantwortung kann delegiert, aber nicht
abgetreten
werden. Sie bleibt — egal wie sehr wir sie loswerden wollen.

Kontrollüberzeugungen: Wer glaubt, sein Leben nicht selbst zu steuern?

Locus of Control · Rotter, 1966

Julian Rotter beschrieb, wie Menschen sich darin unterscheiden, ob sie ihr Leben von sich selbst oder von äußeren Kräften kontrolliert sehen. Menschen mit einem externen Locus of Control führen Ergebnisse auf Zufall, andere Personen oder Umstände zurück. Schuldzuweisung ist, psychologisch betrachtet, eine klassische Form davon.

Was Rotter damals beschrieb, passiert täglich in Büros und Wohnzimmern: „Das war schon immer so.“ „Wenn der Chef nicht wäre…“ „Was soll ich denn dagegen tun?“ Wer so denkt, gibt nicht nur anderen die Schuld, er gibt ihnen die Kontrolle über das eigene Leben.

Im Beruf: Systemverantwortung beginnt beim Einzelnen

Displacement of Responsibility · Bandura, 1999

Rechtlich mag jemand anderes die formale Verantwortung tragen — das enthebt uns nicht der eigenen. Wo Missstände alltäglich sind, sind wir als Systemmitglieder mitverantwortlich, sofern wir davon wissen. Albert Bandura zeigte, wie Verantwortung nach oben, unten oder zur Seite verschoben wird, so lange bis sie niemand mehr trägt.

In meiner Praxis höre ich oft: „Und ich soll das ändern? Das läuft doch schon seit Jahren so.“ Nein allein können Sie das nicht ändern. Aber Sie können sich dazu verhalten. Und diese Wahl, auch Schweigen ist eine, bleibt Ihre.

In Beziehungen: die bequeme Halbwahrheit

Defensivität · Gottman, 1994

Bei Krisen wird gern auf den anderen gezeigt: „Wenn er/sie nicht dieses und jenes getan hätte, dann hätte ich nicht…“ Stopp. Sie haben mitgespielt. In welcher Form und aus welchen Gründen auch immer. Sie waren dabei.

John Gottman wies in Studien mit Hunderten Paaren nach, dass
Defensivität das Zurückweisen von Kritik durch Gegenanklage und Opferdarstellung, einer der zuverlässigsten Prädiktoren für Beziehungsscheitern ist. Wer Verantwortung vollständig abschiebt, löst kein Problem. Er eskaliert es.

Warum Opferhaltung verführt — und was sie kostet

Learned Helplessness · Seligman, 1975

Schuldzuweisung erzeugt gefühlte Hilflosigkeit. Sie ist bequem, denn sie befreit scheinbar von der Aufgabe, für sich selbst zu sorgen. Martin Seligman beschrieb, wie Menschen, die wiederholt erleben, keinen Einfluss zu haben, mit der Zeit aufhören zu handeln, selbst wenn Möglichkeiten bestehen. Anhaltende externe Schuldzuschreibung kann genau das einleiten: Man fühlt sich ohnmächtig, weil man sich ohnmächtig definiert. Die Opferhaltung hat einen hohen psychologischen Preis.

Was stattdessen gefragt ist: Verantwortung als aktive Praxis

Verantwortung und Selbstachtung sind keine Zustände, sondern Aufgaben, und sie erfordern aktives Handeln: Wünsche äußern, Nein sagen, Grenzen setzen. Das ist nicht immer einfach, weder im Beruf noch in intimen Beziehungen. Der andere Weg, die letztendliche Schuldzuweisung, erscheint nur im Moment bequemer.

Erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt Ihre eigenen Wahrnehmungen und Interessen zum vermeintlichen Wohl anderer zurückgestellt haben — und hinterher die Rechnung präsentiert bekamen?

Sie erkennen das Muster der Opferhaltung in Ihrem Berufs- oder Privatleben und möchten daran arbeiten? Ich begleite Sie dabei.

Eine E-Mail, ein Anruf — und wir sind im Gespräch

Quellen

  • Rotter, J. B. (1966). Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement.
    Psychological Monographs
    , 80(1), 1–28.
  • Seligman, M. E. P. (1975).
    Helplessness: On Depression, Development, and Death
    . San Francisco: W. H. Freeman.
  • Bandura, A. (1999). Moral disengagement in the perpetration of inhumanities.
    Personality and Social Psychology Review
    , 3(3), 193–209.
  • Gottman, J. M. (1994).
    Why Marriages Succeed or Fail
    . New York: Simon & Schuster.

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