Arbeit unter KI · Teil 2 von 3
Die dritte Verschiebung
Wie Arbeit verschwindet, ohne dass eine Maschine sie übernimmt – und warum wir die KI dabei selbst gratis füttern.
Die politische Ökonomie: Wohin wandert die Arbeit?
Teil 1 drehte sich um die Maschine: Was kann sie, was kostet sie, wann lohnt sich der Tausch. Aber es gibt drei Wege, auf denen bezahlte Arbeit aus dem Markt fällt, und nur der erste braucht überhaupt eine Maschine, die den Job kann.
Der erste ist die Automatisierung: Die Maschine tut, was der Mensch tat. Der zweite ist die Selbstbedienung, in Teil 1 mit Carl Benedikt Frey beschrieben: Nicht der bessere Geldautomat verdrängte den Bankschalter, sondern der Kunde mit der App; die Waschmaschine machte die Wäscherin überflüssig. Der dritte Weg ist der unauffälligste und vielleicht der folgenreichste. Er läuft seit fünfundzwanzig Jahren – und er hat die KI, die uns heute umtreibt, überhaupt erst möglich gemacht.
Der Nutzer als unbezahlter Produzent
Arbeit wandert nicht nur in die Maschine und zum Kunden, sondern zum Produzenten, der nicht merkt, dass er einer ist. Was Konzerne früher teuer einkauften – Inhalte, Daten, Aufklärung –, liefern heute Nutzer umsonst, und die Plattform verwertet es.
Inhalte waren einmal kostspielig: Redaktionen hielten Fotografen, Rechercheure, Reporter. Heute speist sich der Strom aus Influencern, Bloggern, Hobbyfotografen, die für Reichweite zuarbeiten statt für Honorar. Die „Creator Economy“ wurde für 2025 auf 178 bis 254 Milliarden Dollar geschätzt – und ruht zu rund zwei Dritteln auf Amateuren; die Profiteure heißen Meta, YouTube, ByteDance. Die Stockfotografie, einst gutes Geld, gerät unter Druck: Die klassischen Lizenzen gingen zuletzt um rund 15 Prozent zurück, beschleunigt durch KI-Bilder. Die Soziologin Tiziana Terranova nannte das schon 2000 „free labour“; Jaron Lanier (2013) und die Ökonomen Posner und Weyl (2018) schärften es zur These „Daten sind Arbeit“ – unbezahlte Arbeit, die der Konzern als sein Kapital verbucht.
Vom Hobby zum Geheimdienst
Es trifft nicht nur Belangloses. Auch Aufklärung, früher Sache bezahlter Profis – Journalisten, Geheimdienstanalysten –, wird zur Crowd-Leistung. Bellingcat hat die Gattung etabliert; das jüngste Beispiel ist das GPS-Störfeuer über der Ostsee. Eine Handvoll unabhängiger OSINT-Leute kartierte und beschrieb es zuerst – das Projekt eines Einzelnen, gpsjam.org, dient inzwischen sogar Nachrichtenredaktionen als Quelle –, und erst danach bestätigte die Wissenschaft, dass ein Teil der Störung aus dem Weltraum kommt, mutmaßlich von russischen Satelliten (die bodengestützte Hauptquelle bei Kaliningrad bleibt davon unberührt). Wertvolle Aufklärung, geliefert von Freiwilligen, genutzt von Medien und Behörden.
Der Kreis schließt sich
Dieselbe Gratis-Arbeit – die Texte, Bilder, der Code von Millionen – ist das Trainingsmaterial, aus dem die Sprachmodelle gebaut sind. Erst lieferst du das Material umsonst, dann konkurriert das Produkt mit dir.
Die KI ist auf der unbezahlten Produktion der Texter, Fotografen und Programmierer trainiert, die sie nun verdrängt. Das ist kein Nebeneffekt, sondern die Bauweise: Ohne das jahrzehntelang frei ins Netz gestellte Material gäbe es das Modell nicht, das die Arbeit dieser Leute jetzt nachbildet. Dieser Text gehört dazu.
Gegenprobe – wo die Verschiebung endet
Die physische Ausführung bleibt: Den Kessel diagnostizieren kann der Chatbot, das Gasventil tauscht der Laie nicht. Die nicht übertragbare Haftung bleibt: Der Patient liest seine Werte, unterschreiben muss der Arzt. Und Freiwilligenarbeit skaliert nicht beliebig – Bellingcat ersetzt keine Nachrichtenagentur, gpsjam keinen Geheimdienst. Die Crowd ergänzt; sie tritt nicht an die Stelle.
Was das heißt
Die drei Verschiebungen teilen ein Merkmal: Die Arbeit verschwindet nicht, sie wandert nur von der Lohnliste – in die Maschine, zur Kundschaft, in die Crowd. Frey hat den historischen Rahmen benannt: Die große Leistung des modernen Kapitalismus war, Tätigkeit aus dem Haushalt in den Markt zu holen – aus unbezahlter Hausarbeit bezahlte Spezialisierung zu machen, sichtbar in den volkswirtschaftlichen Konten. Selbstbedienung und Gratis-Produktion drehen diese jahrhundertelange Bewegung still zurück: Die Arbeit geht weiter, nur Lohn und Messung fallen weg. Wer den Arbeitsmarkt allein an den amtlichen Zahlen abliest, übersieht eine Verschiebung, die diese Zahlen konstruktionsbedingt nicht sehen.
Gratisarbeit ist Kostenexternalisierung: der Wert wird abgeschöpft, die Arbeit verschenkt. Ob die Gratis-Produktion derer, die sie leisten, je vergütet wird – über Datengewerkschaften, Lizenzmodelle, Urheberrechte an Trainingsdaten –, entscheidet keine Technik. Das ist eine politische Auseinandersetzung, und sie hat gerade erst begonnen. Falsch wäre diese Lesart, wenn die Gratis-Produktion unterm Strich mehr bezahlte Arbeit schüfe, als sie verdrängt. Das ist prüfbar – an der Zahl der bezahlten Bild-, Text- und Rechercheberufe seit dem Aufstieg der Plattformen.
Denn so nüchtern die Mechanik ist, sie läuft auf eine sehr persönliche Entscheidung zu. Wenn Arbeit in die Maschine, zum Kunden und in die Crowd abwandert, bleibt die Frage: Welche Arbeit widersteht allen drei Bewegungen – und wie wählt man sie? Das ist Teil 3.
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Zur Einordnung der Aussagen
- Gesichert / etabliert: Selbstbedienung und Disintermediation als Mechanismus (Gershuny 1978; Frey 2026); „free labour“ / „Daten als Arbeit“ als seit Jahren ausgearbeitetes Konzept (Terranova 2000; Lanier 2013; Posner & Weyl 2018; Arrieta-Ibarra et al. 2018); dass generative KI auf großflächig erhobenen, überwiegend unvergüteten Nutzer- und Urheberdaten trainiert ist.
- Branchenschätzung, breit streuend: die Größe der Creator Economy (~178–254 Mrd. $ für 2025) und der Amateur-Anteil (~zwei Drittel); der KI-bedingte Rückgang klassischer Stockfoto-Lizenzen (~15 %). Marktforschung, kein geprüfter Abschluss.
- Zum Ostsee-GPS-Beispiel präzise: Die bodengestützte Hauptquelle bei Kaliningrad ist peer-reviewt nachgewiesen (Triangulation; GPS Solutions 2026). Dass zusätzlich eine weltraumgestützte Quelle existiert, ist seit September 2025 bestätigt (Clements/Humphreys, ION-Proceedings), die konkrete Satelliten-Identität jedoch nicht – „russische Satelliten, bestätigt“ ist Medien-Zuspitzung, nicht der publizierte technische Stand.
- Eigene Schlussfolgerung: die Zusammenführung der drei Verschiebungen (Maschine, Kunde, Crowd) zu einem Muster; der KI-Trainingskreis (Gratis-Produktion trainiert das verdrängende Produkt).
- Genuin offen: wie viel der Verschiebung die amtliche Statistik erfasst; ob die Gratis-Produktion je vergütet wird (Datengewerkschaften, Lizenz- und Urheberrechtsmodelle) – eine politische, keine technische Frage.
Quellen
- Terranova, T. (2000): Free Labor: Producing Culture for the Digital Economy. (öffnet in neuem Tab) Social Text 18(2), 33–58.
- Lanier, J. (2013): Who Owns the Future? Simon & Schuster (Buch).
- Posner, E. A., Weyl, E. G. (2018): Radical Markets. (öffnet in neuem Tab) Princeton University Press („Data as Labor“; ISBN 9780691196060).
- Arrieta-Ibarra, I. et al. (2018): Should We Treat Data as Labor? Moving Beyond „Free“. (öffnet in neuem Tab) AEA Papers & Proceedings 108.
- Scholz, T. (Hg.) (2012): Digital Labor: The Internet as Playground and Factory. Routledge (Buch).
- Zuboff, S. (2019): The Age of Surveillance Capitalism. PublicAffairs (Buch).
- Catalini, C. u. a. (2026): Some Simple Economics of AGI. (öffnet in neuem Tab) arXiv-Preprint (Verifikation als bindender Engpass).
- Frey, C. B. (2026): „Can a machine do this job?“ is the wrong question. Financial Times, 14.06.2026 (Paywall); Übersicht: carlbenediktfrey.com (öffnet in neuem Tab).
- Gershuny, J. (1978): After Industrial Society? The Emerging Self-Service Economy. Macmillan (Buch).
- Bellingcat (öffnet in neuem Tab) / gpsjam.org (öffnet in neuem Tab) (J. Wiseman): offene Aufklärung als Crowd-Leistung (OSINT).
- Zum Ostsee-GPS-Jamming: Gattis, B., Cydejko, J., Akos, D. (2026): Baltic Sea GNSS jamming … TDOA (öffnet in neuem Tab), GPS Solutions 30:96; Clements/Humphreys (2025), ION GNSS+ Proceedings (weltraumgestützte Quelle bestätigt, Satellit nicht identifiziert); SpaceNews (öffnet in neuem Tab) und World Politics Review (öffnet in neuem Tab) (Juni 2026) zur Attribution „russische Satelliten“.
- Creator-Economy- und Stockfoto-Zahlen 2025/26: Precedence Research (öffnet in neuem Tab), Grand View Research (öffnet in neuem Tab), Business Research Insights (öffnet in neuem Tab) – Branchenschätzungen, breit streuend.
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